Beifall für Polleschs «Mädchen in Uniform»

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Hamburg (dpa) ­ Die Bühne des Hamburger Schauspielhauses wird zur Hinterbühne: Als sich zu stimmungsvoller Musik ein blau-weiß karierter Vorhang öffnet, verbeugt sich eine Gruppe von Schauspielerinnen vor einem Spiegel – mit dem Rücken zum Publikum, das sich in dessen Glas wiederum selbst erkennt.

«Fein hast Du das gemacht» und «großartig», loben sich die Akteurinnen nach ihrem Auftritt gegenseitig. Bis eine von ihnen, im Renaissance-Männerkostüm mit schwarz-goldenen Pumphosen, plötzlich ausflippt: «Nein, ich hab die ganze Zeit in die falsche Richtung gespielt», schreit die Frau (Sophie Rois) immer wieder wütend mit rauer Stimme und fuchtelt mit den Armen. Es ist eben eine bizarr-verquere, verwirrende Welt, die Autor und Regisseur René Pollesch in seinem Werk «Mädchen in Uniform ­ Wege aus der Selbstverwirklichung» inszeniert.

Bürgerliche Zeitgeistüberzeugungen von Individualität und Kreativität übergießt der Pop-Artist (47) aus Berlin darin schillernd sinnfällig und oberflächlich zugleich – mit Ironie und Sarkasmus. Ausgangspunkt seiner Collage bildete Christa Winsloes autoritätskritischer, 1931 und 1958 verfilmter und von ihr selbst dramatisierter Roman «Mädchen in Uniform». Bei der kurzweiligen und mit 65 Minuten auch kurzen Uraufführung erhielten Pollesch und sein spritzig agierendes Damenensemble vom amüsierten Publikum brausenden Beifall und nur wenige Buh-Rufe.

Niemand schien die Schauspielhaus-Mitglieder Marlen Diekhoff und Marion Breckwoldt zu vermissen, die kurz vor der Premiere aus dem Pollesch-typisch «offenen» Projekt ausgestiegen waren: So wurde es also ein Abend für Chor und drei – statt fünf ­ Schauspielerinnen. Das sei «nichts Außergewöhnliches» und tue dem Inhalt keinen Abbruch, hatte der Avantgarde-Künstler in den Medien geäußert.

«Wir müssen durch eiserne Strenge zu einer exaltierten Künstlerin ausbilden. Die werden da draußen gebraucht», «Sie darf sich nicht zurückziehen auf die schwache Rolle der Hausfrau und Mutter», heißt es an diesem Abend. Abwechselnd übernehmen der Berliner Volksbühnen-Star Rois, Chorleiterin Christine Groß und Choreographin Brigitte Cuvelier sowie ein mit einer Stimme sprechender zehnköpfiger Mädchenchor in rosa Internatskleidung Rollen des Winsloe-Werks.

Hatte die Schriftstellerin (1888-1944) in wilhelminischem Stifts-Umfeld noch Unterdrückung von Sexualität und Gefühl angeprangert, so hetzt Pollesch gegen modernen Selbstverwirklichungswahn: Ein «Selbst» zu haben und kreativ auszudrücken wird bei ihm zum lachhaften Terror, der in Beschäftigungstherapien im Altenheim und Hitlers Buch «Mein Kampf» münden kann.

Zum Beleg seiner Ideen zeigt er auch hübsche, aufwendig und diszipliniert choreographierte Gruppenszenen mit den Mädchen in Rosa, die dann altmodische Soldatenhelme tragen, mit Holzgewehren exerzieren und schwungvoll singen: Wie eine Reminiszenz an die von Diktator Mao verordnete China-Oper wirkt das. Musik- und Volkstheater, Film und Fernsehen, Comedy und Philosophie sind Quellen, aus denen sich der Autor und Regisseur ­ ziemlich kreativ also ­ gern montageartig für seine letztlich antikapitalistischen Stücke bedient. Solch flotten Mix, der hier wie eine erfrischende Brise daherkommt, zeichnet auch «Mädchen in Uniform» aus.

Die inbrünstig und schnell sprechenden Darstellerinnen ersparen selbst den Zuschauern das Aufmischen von deren eigener Rolle nicht: «Die wollen gar kein Theater sehen. Die wollen mit auf der Bühne sitzen», müssen die sich sagen lassen ­ und am Ende sogar: «Glotzt nicht so inspiriert! Studiert gefälligst Jura!» Spielleiter Pollesch, der von 2001 bis 2007 die kleine Stätte «Prater» an der Volksbühne Berlin leitete, hatte am Schauspielhaus Hamburg bereits im Jahr 2000 mit seiner Bühnen-Soap «www-slums» Furore gemacht.

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