«Es ist nicht zu vermeiden, dass Google für Wirbel sorgt»

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Hamburg (dpa) ­ Peter Fleischer hat einen schwierigen Job: Sein Arbeitgeber Google steht regelmäßig wegen seines Datenhungers in der Kritik. Fleischer ­ ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln ­ muss als Datenschutz-Beauftragter bei Politikern, Datenschützern und Medien für Verständnis werben.

Im Interview mit der dpa redet er über die Lehren aus «Street View» und mangelnde Gesprächsbereitschaft in der Politik.

Herr Fleischer, hätten Sie gedacht, dass Google wegen der Pläne für die digitalen Straßenansicht «Street View» in Deutschland so sehr in die Kritik geraten würde?

Fleischer: «Uns war bewusst, dass in Europa die Erwartungen an Privatsphäre und Datenschutz höher sind als in den USA. Daher haben wir einen Software-Algorithmus entwickelt, der automatisch Gesichter und Nummernschilder verwischt. In den meisten europäischen Ländern war der Start daraufhin recht unproblematisch – außer in Deutschland und der Schweiz. In keinem anderen Land hat es so eine zum Teil sogar polemische Debatte gegeben.»

Viele Deutsche teilen die Kritik von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner…

Fleischer: «Meine persönliche Meinung: Wenn wir den Dienst schon gestartet hätten, gäbe es nur wenige Diskussionen.»

Auch mit dem Kurzmeldungsdienst «Buzz» hat Google harsche Kritik geerntet. Haben Sie die Reaktion der Nutzer unterschätzt?

Fleischer: «Wir haben Buzz intern mit mehr als 20 000 Google- Mitarbeitern getestet, die alle sehr Internet-affin sind. Aber das ist nicht dasselbe, als wenn man externe, nicht so technikaffine Nutzer Buzz ausprobieren lässt. Die Datenschutz-Optionen waren nicht deutlich genug hervorgehoben. Aber wir haben innerhalb von 48 Stunden die wichtigsten Bedenken ausgeräumt. Ich habe auch noch kein soziales Netzwerk gesehen, das vom Start weg perfekt ist.»

Warum stößt Google regelmäßig auf so viel Widerstand?

Fleischer: «Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Informationen im Internet auffindbar und nutzbar zu machen. Meine Lektion aus „Street View“: Wenn man wie Google kontinuierlich Innovationen entwickelt, die die Nutzer nie zuvor gesehen und genutzt haben, ist es nicht zu vermeiden, dass man für Wirbel sorgt. Es ist nur menschlich, dass einige Leute mit Angst und Sorgen reagieren und das Neue ablehnen. Andere nehmen es begeistert an.»

Aber warum unterscheidet sich Deutschland von anderen Ländern so sehr – siehe «Street View»?

Fleischer: «Deutschland hat mit zwei totalitären Systemen eine schlimme und komplizierte Vergangenheit. Ich wäre erstaunt, wenn die Deutschen nicht eine starke Sensibilität für Datenschutz hätten.»

Viele Menschen nutzen Google ohne Bedenken, die Suchmaschine hat einen Marktanteil von rund 90 Prozent. Andererseits stehen Sie bei Politikern und Datenschützern in der Kritik. Woran liegt das?

Fleischer: «Wir haben eine große Nutzergruppe in Deutschland, die Google-Dienste mag und sie jeden Tag nutzt. Die Diskussion läuft auf einer anderen Ebene. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich wollte mich einmal mit einem Landesdatenschutzbeauftragten treffen, der sich in den Medien oft über Google äußerte. Er wollte aber nicht mit Google, sondern nur über Google reden. Er nutzte Google einfach als Begriff, um eine Debatte in Politik und Medien anzustoßen. Und als ich einmal ein Treffen der Landesdatenschutzbeauftragten zu „Street View“ besuchte, wollte nur einer von ihnen mit mir reden. Das ist doch ungewöhnlich!»

Was tun Sie denn, um den Dialog mit der Politik zu führen?

Fleischer: «Wir haben ein Büro in Berlin mit vier Vollzeitkräften, die im Kontakt mit den politischen Gesprächspartnern stehen, darunter auch mit Ministerin Ilse Aigner. Man muss aber ebenso bedenken, dass wir immer noch eine recht junge Firma sind. Es braucht eine gewisse Zeit, diese Beziehungen aufzubauen.»

Mit dem Dienst Goggles können Nutzer per Handy-Kamera Objekte wie zum Beispiel den Eiffelturm automatisch erkennen. Theoretisch wäre mit dieser Technologie auch eine Gesichtserkennung möglich. Das hat in Deutschland für große Bedenken gesorgt. Werden Sie die Gesichtserkennung trotzdem an den Start bringen?

Fleischer: «Wir haben beim Start von Goggles wegen der Datenschutz-Bedenken ausdrücklich darauf verzichtet. Die Technologie, Gesichter zu erkennen, gibt es aber bereits von verschiedenen Unternehmen. Derzeit diskutieren wir mit Datenschutz-Experten aus aller Welt, ob und wie wir den Dienst umsetzen können. Das ist aber nicht so einfach – sonst hätten wir es bereits getan.»

Wie finde ich heraus, was Google über mich weiß?

Fleischer: «Es gibt zwei Kategorien von Diensten. Für einige wie Google Mail muss man ein Nutzerkonto haben. Mit dem Dienst „Google Dashboard“ haben Nutzer die Transparenz und Kontrolle darüber, was wir über sie speichern, und können Angaben löschen oder Einstellungen ändern.»

Und was ist mit anonymen Diensten wie der Suchmaschine?

Fleischer: «Das ist die zweite Kategorie. Hier können wir dem Nutzer nicht zeigen, was wir vermeintlich über ihn wissen, weil wir die Person nicht kennen, die vor dem Computer sitzt ­ und auch nicht kennen wollen. Hier können wir nur angeben, welche Kategorien von Daten wir speichern: zum Beispiel die gesuchten Begriffe und die Uhrzeit, aber auch den Browser und das Betriebssystem.»

Trotzdem weiß Google, wenn ich schon mal da war.

Fleischer: «Wir wissen nicht, ob jemand zurückkehrt, sondern ob über einen bestimmten Rechner schon Mal auf unsere Dienste zugegriffen wurde. Diese Information wird in einem Cookie hinterlegt ­ das ist eine kleine Textdatei auf dem Rechner, wie sie fast jede Website heutzutage einsetzt.»

Wie geschieht das?

Fleischer: «Der Cookie merkt sich die eingestellten Präferenzen für den Computer, wie beispielsweise die Information, dass deutsche Suchresultate anstatt spanische angezeigt werden sollen. Darüber hinaus können wir anhand von Cookies Werbung auswählen, die für die Interessen relevant sind, die anhand von besuchten Seiten zugeteilt werden. Nutzer können Cookies in ihrem Browser kontrollieren, einsehen, löschen oder generell ablehnen. Nach 18 Monaten anonymisieren wir Cookies automatisch.»

Welche Herausforderungen sehen Sie für den Datenschutz in den nächsten Jahren?

Fleischer: «Ortsbezogene Dienste, die den Standort des Nutzers speichern, sind ein wichtiges Thema. Außerdem die ganzen Inhalte in sozialen Netzwerken, die die Nutzer selbst erstellen. Generell stellt sich die Frage: Wie können Nutzer im Internet ihre Anonymität wahren?»

Interview: Christof Kerkmann, dpa

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