Hamburg (dpa) – In der Motorstadt Detroit heulten die Motoren auf – und Iggy Pop, halbnackter Berserker mit Hang zur Selbstverstümmelung, der seine Wut herausbrüllte und sich auf der Bühne erbrach.
Ob im Schlüpfer, in Strumpfhosen oder in der Silberjeans – als durchgeknallte Primadonna machte Iggy Pop von Anfang an eine gute Figur. Ein roher und kraftvoller Typ, dessen Leben einem Tanz auf dem Vulkan glich – immer wieder vom Absturz bedroht. Ein kaputter Typ.
Er war schon Punk, als es Punk noch gar nicht gab und gerade Woodstock und die Flower-Power-Bewegung angesagt waren. Statt Liebe, Frieden und Gemeinsamkeit besangen die Stooges Langeweile und Frustration mit misanthropischen Texten. Bei seinen Bühnenshows demonstrierte The Ig, dass nur Schmerzen ihn aus der Langeweile befreien konnten: Er robbte nackt durch Glassplitter, schmierte sich mit Erdnussbutter voll, goss heißes Wasser über seine Hose und taumelte blutend von der Bühne, während sich die gelegentlich in Naziuniformen gekleideten Musiker zum Rückkopplungsgeheul an die Verstärker lehnten.
Heute schüttet sich Iggy Pop kein Bier mehr über die Birne, heute trinkt er eher Rotwein und singt französische Chansons. 1973 aber war «Raw Power» angesagt: Das ungezügelte Album, das dritte, das Iggy Pop mit den Stooges aufnahm, ist jetzt in einer Sammler-Edition neu aufgelegt worden. Ergänzt wird das Original durch eine Live-CD in passabler Qualität, auf der ein Auftritt der Stooges im Oktober 1973 in Atlanta festgehalten wurde und auf dem das jazzige «Head On» überrascht.
«Die perfekte Hintergrund-Musik für eine Auspeitsch-Party», hatte die «Los Angeles Free Press» einmal die Lärmorgien der Punk-Gründungsväter genannt. Auch John Lydon, Steve Jones, Mick Jones oder Brian James fanden auf «Raw Power» die Zutaten für ihre Revolte. Mit den Sex Pistols, The Clash und The Damned sollten sie wenige Jahre später die Musikwelt aufmischen.
«Raw Power», das ist hässlicher und ungestümer Rock’n'Roll, ein kranker Todestrip («Death Trip»), auf dem Iggy von Zerstörung («Search And Destroy») und Penetration («Penetration») singt und die Gefahr («Gimme Danger») sucht. Für die Super-Sammler soll Ende April noch eine limitierte Deluxe Edition (3 CDs und eine DVD) von «Raw Power» erscheinen. Heute (21. April) wird Iggy Pop 63 Jahre alt.