Berlin (dpa) – Es gibt Buchtitel, die zum geflügelten Wort für eine ganze Generation geworden sind. Dazu gehört zum Beispiel «..schon bist du ein Verfassungsfeind» von Peter Schneider.
Der Berliner Schriftsteller und Essayist, «APO-Opa» und an der Seite von Rudi Dutschke einer der Wortführer der 68er Studentenrevolte, wird an diesem Mittwoch (21. April) 70 Jahre alt. Zu dem naheliegenden Wortspiel «Die 68er werden 70» sagt der am 21. April 1940 in Lübeck geborene und heutige Berliner Schneider nur lakonisch und auch selbstironisch: «Er hat’s hinter sich.»
Stimmt natürlich nicht, denn 40 Jahre nach der Revolte, die im Nachkriegsdeutschland so oder so eine gesellschaftspolitische Zäsur darstellt, veröffentlichte Schneider seinen persönlichen und auch selbstkritischen Rückblick «Rebellion und Wahn. Mein ’68». Ein Blick auf jene «wilden 60er Jahre» mit ihren Vietnam-Demonstrationen und «Sex-Kommunen». Literatur dagegen hatte für viele Dogmatiker damals keine Funktion mehr, keinen Sinn. Das wollte Peter Schneider nie in den Kopf, auch wenn zunächst seine legendären aufrührerischen Essays in Hans Magnus Enzensbergers «Kursbuch» mehr Furore machten, wie sich sein Kollege F.C. Delius erinnert.
Den «Verfassungsfeind» mit dem Untertitel «Das unerwartete Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff» hatte Schneider, der eigentlich Lehrer werden wollte, 1975 geschrieben, nachdem ihm im Zuge des berüchtigten Radikalenerlasses für den öffentlichen Dienst (unter SPD-Kanzler Willy Brandt) der Eintritt in den Schuldienst verweigert worden war. Berühmt hatte Schneider aber zuvor schon die Erzählung «Lenz» (1973) gemacht, mit dem ursprünglichen und dann weggelassenen Untertitel «Eine Erzählung von 1968 und danach». Es wurde ein Schlüsselwerk und «Kultbuch» der Linken über die Träume und Illusionen von Intellektuellen und Künstlern über ihre Rolle und tatsächliche Bedeutung in der Gesellschaft.
Aber auch die deutsche Teilung ließ den Wahlberliner Schneider, der ab 1962 Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin (FU), einem späteren Zentrum der 68er Revolte, nicht ruhen. Seine Erzählung «Der Mauerspringer» wurde von Reinhard Hauff Anfang der 80er Jahre verfilmt. In der Erzählung hieß es schon damals prophetisch: «Die Mauer im Kopf einzureißen, wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmer für die sichtbare Mauer braucht.» Für den Regisseur verfasste Schneider, der auch Essays über «Deutsche Ängste» verfasste, die Filmdrehbücher für «Messer im Kopf» (1978) und «Mann auf der Mauer» (1982), die ihn auch international bekannt machten.
Zurzeit schreibt Schneider an einem neuen Roman über die Erlebnisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit von 1945 bis 1948. Auch ein Theaterstück «Rette sich wer kann» über die Bankenkrise ist in Arbeit.
Schneider war einer der ersten in der rebellischen Jugend der 68er Bewegung, der auch die unabhängige Individualität der politischen Aktivisten verteidigte und zum Beispiel Karl Marx gerne gefragt hätte: «Warst du eigentlich glücklich?» Zum Glück gehörte für die 68er auch eine glückliche Sexualität mit entsprechendem freizügigen Umgang. Aber den Vorwurf in der jetzigen Missbrauchsdebatte, die 68er trügen eine Mitschuld durch laxe frühkindliche Erziehungsmethoden, lässt Schneider nicht gelten. «Es stimmt nicht, dass Kinder bei uns alles machen durften», sagte er der dpa dazu. «Auswüchse hat es wie überall sicher auch gegeben. Aber die pauschalen Vorwürfe gegen die 68er besonders aus den Reihen der katholischen Kirche sind absurd, die damit nur von den schlimmen Verfehlungen in den eigenen Reihen ablenken will.»
Zu den Träumen und Illusionen der 68er steht Schneider immer noch. Im Epilog seines Buches «Rebellion und Wahn» heißt es über die Ära der 68er: «Es war eine schöne und schreckliche Zeit. Meinen Kindern sage ich: Es ist nötig – und wird immer wieder nötig sein und Mut erfordern – gegen selbst ernannte Herren der Welt und eine feige oder übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: “Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!” – wenn ebendies der Fall ist.»