Bonn (dpa) – Das neue Beethoven-Festspielhaus in Bonn sollte eine internationale Attraktion werden: Ein spektakuläres Konzerthaus am Rheinufer. Nach jahrelanger Planung steht der Prestigebau vor dem überraschenden Aus.
Noch vor dem ersten Spatenstich schmissen die Stadt sowie die drei Bonner Konzerne und bisherige Bauherren Telekom, Post und Postbank alles über den Haufen und entschieden, das Projekt «vorerst nicht weiter zu verfolgen».
Die Stadt verwies auf ihre klamme kommunale Haushaltslage. «Die wirtschaftliche Situation der Stadt Bonn verlangt derzeit andere Prioritäten», hieß es am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung von Stadt und Konzernen. Nach dem Finanzfiasko um den gestoppten Bau des internationalen Kongresszentrums (WCCB) bedeutet diese Entscheidung ein neuen schweren Imageschaden für die Stadt.
Mit dem vorläufigen Ende des Festspielhauses drohen die Stadtväter eine einmalige Chance zu verspielen: Telekom, Post und Postbank waren bereit, den gesamten Bau mit rund 75 Millionen Euro zu finanzieren. Der Bund hatte bereits 39 Millionen Euro für die Betreiberstiftung zugesagt. Als Geburtsstadt des Komponisten Ludwig van Beethoven (1770-1827) wollte die Stadt zum 250. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2020 die Blicke der Welt auf sich ziehen und erstrangige Künstler an den Rhein holen.
Die frühere Post-Managerin Monika Wulf-Mathies, eine entschiedene Verfechterin des neuen Festspielhauses, hat als Vorsitzende des Vereins Festspielhaus-Freunde, gerade erst ein Büro eröffnet. Sie war geschockt: «Wir können nicht verstehen, dass die Stadt diese einmalige Chance nicht ergreift. Die Stadt hat nicht verstanden, dass es nicht um ein kommunales Projekt, sondern um eine nationale Sache geht. Das Festspielhaus hätte der Zukunft der Stadt ein neues Profil gegeben.» Der frühere Bonner Bundestagsabgeordnete Stephan Eisel (CDU) bezeichnete den Schritt als «Blamage» und «katastrophal» für die Stadt. «Das ist ein rabenschwarzer Tag für Bonn.»
Dabei schien zunächst alles auf gutem Weg. Architekten von Weltruf rissen sich um den Auftrag. Zwei Entwürfe für spektakuläre Schmuckstücke blieben für die bereits aufgeschobene Endauswahl: der «Diamant» von Zaha Hadid (London) sowie die «Wellen» von Hermann & Valentiny (Luxemburg). Doch es kam immer mehr Widerstand. Von der Telekom wurden vorsichtig Bedenken wegen ungeklärter Finanzen signalisiert. In der Stadt wurde über den richtigen Standort diskutiert sowie darüber, ob für das neue Haus tatsächlich die 50 Jahre alte Beethovenhalle abgerissen werden sollte. Musikexperten waren sich einig, dass die unter Denkmalschutz stehende veraltete Halle nicht mehr als modernes Konzerthaus für Spitzenorchester dienen könne.
Mit der Wahl von Jürgen Nimptsch (SPD) zum neuen Oberbürgermeister im Herbst 2009 kam noch mehr Sand ins Getriebe. Er wollte zu dem Großprojekt plötzlich die Bürger befragen – die Entscheidung also verlagern. Bei den Unternehmen stieß dieser Vorstoß auf Unverständnis – «damit macht Nimptsch das ganze Projekt kaputt», hieß es hinter vorgehaltener Hand. Im Stadtrat war man sich uneins. Dann machten neue Schätzungen über die Baukosten die Runde, sie sollten nun bei angeblich rund 100 Millionen Euro liegen. Die zusätzlichen Kosten für die Stadt durch ein neues Festspielhaus sind auf mehrere Millionen Euro beziffert, ohne die eventuellen Abrisskosten für die alte Beethovenhalle.
Über der Stadt schwebt derzeit noch ein anderes Geldrisiko: das Millionengrab des WCCB. Hier saßen die Stadtoberen – damals noch unter Nimptsch-Vorgängerin Bärbel Dieckmann (SPD) – ausländischen Finanzbetrügern auf. Dies machte Nimptsch und den Stadtrat vorsichtig. Plötzlich wurde auch das Festspielhaus, von Dieckmann noch als «Jahrhundertprojekt» tituliert, mit anderen Augen betrachtet. Neue finanzielle Abenteuer waren nicht mehr angesagt.
Die Stadt stecke in der «schwierigsten Haushaltslage der letzten Jahrzehnte», erklärte Nimptsch nun. Mit Sparmaßnahmen werde Bürgern schon eine Menge zugemutet. «In dieser Situation ist es vermittelbar, ein wichtiges Kulturprojekt, das Festspielhaus in Beethovens Geburtsstadt, aufzuschieben, das dadurch nichts an seiner Bedeutung für die Beethovenstadt verloren hat.» Nun soll zunächst einmal ein neues Kultur-Gesamtkonzept für die Stadt entwickelt werden. Bei der Bundesregierung will die Stadt um «Verständnis» für ihre Position werben, damit sie die vom Bund bereits zugesagten 39 Millionen Euro nicht in den Wind schreiben muss.